
…aus euren Häusern, aus euren gesellschaftlich geprägten Verhaltens-
Gefängnissen, aus eurer Verklemmtheit. Flieht auf die Strassen, in die
(Narren-)Freiheit! Für einige sind sie schönsten Tage des Jahres. Seit
heute hat sie Luzern fest im Griff- die Fasnacht.
Luzern zählt zusammen mit Basel als Fasnachts- Hochburg der
Schweiz. Tausende säumen die Strassen. Für die Meisten ist sie einfach eine
Möglichkeit, seine inneren, verrückten und exzentrischen Geister in aller
Öffentlichkeit zu befriedigen. Was sonst nur hinter verschlossenen Türen,
vielleicht gemeinsam mit ein paar wenigen Eingeweihten von statten geht,
geschieht in aller Öffentlichkeit… und alle machen mit. Harmlose Persönlichkeitsperversionen
weit weg von jeglichem anrüchigen Hintergrund.
Als Luzerner mit Leib und Seele wuchs ich natürlich mit
diesem Kult auf. Obwohl ich diesem Anlass seit vielen Jahren nicht mehr
huldige, bin ich (und viele meiner Erinnerungen) unweigerlich mit ihm
verbunden. Auch dieses Jahr bleibe ich ihm grösstenteils fern, beobachte ihn
allerdings- aus einer sicheren Distanz.
Unglaublich, was einige, nein falsch- was so viele
auf sich nehmen, um in der „schönsten Zeit des Jahres“ ein unvergessliches Fest
zu erleben. Jahr für Jahr für Jahr. Immense Investitionen in Zeit, Geld und
Liebe bilden einen grandiosen Rahmen. Durch diese Leidenschaft entsteht
Kreativität, wie man sie sich kaum vorstellen kann.
Um eine Kollegin am Bahnhof abzuholen, habe ich mich heute
dennoch kurz in die Stadt gewagt. Nicht verkleidet und nur selten „rumhüpfend“.
Ich fühlte mich irgendwie wie ein Fremdkörper. Nicht, weil ich dies aus
irgendwelchen Reaktionen geschlossen hätte, im Gegenteil; ich wurde
buchstäblich von wildfremden Menschen mit offenen Armen ‚empfangen‘, sondern
weil ich mich nicht mit derselben Leidenschaft ins Gedränge warf, weil ich noch
nicht Stundenlang auf den Beinen war. Den Schweizern wird oft nachgesagt, sie
seien etwas ‚kalt‘, gehemmt und zeigen keine Emotionen. Besucht mal unsere
Fasnacht und ihr wärt schockiert. Alle Hemmungen, welche wir scheinbar so
sorgfältig während des restlichen Jahres aufrecht gehalten haben, fallen. Vor
allem im Positiven, ganz selten auch im Negativen. Doch ganz ehrlich, immer wenn
sich Menschen in Massen zusammenfinden, gibt es Ausreisser, die sich nicht zu
benehmen wissen. Das ist wohl ein Teil unserer Natur und nur selten wirklich
tragisch.
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Natürlich fallen viele dieser Hemmungen mithilfe von ein
oder zwei (oder vielleicht auch drei) Gläsern Alkohol, aber nicht nur. Und nun
komme ich zum, für mich, spannendsten Aspekt der Fasnacht. Man ist meistens
Anonym. Man erkennt selten Gesichter, da man sie mit Masken oder Schminke
gekonnt überdeckt. Viele trauen sich offener und mutiger zu sein, vor allem
aber suchen wir uns unsere Gesprächspartner (oder was auch immer sich noch
entwickelt) nicht anhand oberflächlicher Äusserlichkeiten aus. Es zählt nicht
mehr die Form der Nase oder die Farbe der Augen, sondern, wenn überhaupt, die
Kreativität der Verkleidung. Man weiss oft nicht, wie die Person unter dem
Kostüm aussieht und es spielt auch keine Rolle. So sollte es sein. Es ist der Mensch der zählt, nicht seine Hülle. Pur, echt und authentisch.
So haben sie die Stadt noch bis zum nächsten Mittwochmorgen
in festen Händen, die Narren, und hüpfen und singen und lachen und trinken und
tanzen und feiern und trinken und trinken…! So denn... Flieht, ihr Narren!
Lieber Adrian,
AntwortenLöschendas hast du absolut genial beschrieben... ich bin begeistert! Die Perspektive, des Authentischen, offenen und Kreativen ist es, was mich alljährlich fasziniert. Wie du, sehe ich mir das auch aus der Distanz an mittlerweile, lasse mich aber gerne von diesen höchst kreativen Masken inspirieren.
Herzliche Grüsse, Sichtwiese
vielen Dank für deinen lieben Kommentar!
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