Donnerstag, 7. Februar 2013

Flieht, ihr Narren!



…aus euren Häusern, aus euren gesellschaftlich geprägten Verhaltens- Gefängnissen, aus eurer Verklemmtheit. Flieht auf die Strassen, in die (Narren-)Freiheit! Für einige sind sie schönsten Tage des Jahres. Seit heute hat sie Luzern fest im Griff- die Fasnacht.

Luzern zählt zusammen mit Basel als Fasnachts- Hochburg der Schweiz. Tausende säumen die Strassen. Für die Meisten ist sie einfach eine Möglichkeit, seine inneren, verrückten und exzentrischen Geister in aller Öffentlichkeit zu befriedigen. Was sonst nur hinter verschlossenen Türen, vielleicht gemeinsam mit ein paar wenigen Eingeweihten von statten geht, geschieht in aller Öffentlichkeit… und alle machen mit. Harmlose Persönlichkeitsperversionen weit weg von jeglichem anrüchigen Hintergrund.



Als Luzerner mit Leib und Seele wuchs ich natürlich mit diesem Kult auf. Obwohl ich diesem Anlass seit vielen Jahren nicht mehr huldige, bin ich (und viele meiner Erinnerungen) unweigerlich mit ihm verbunden. Auch dieses Jahr bleibe ich ihm grösstenteils fern, beobachte ihn allerdings- aus einer sicheren Distanz.
Unglaublich, was einige, nein falsch- was so viele auf sich nehmen, um in der „schönsten Zeit des Jahres“ ein unvergessliches Fest zu erleben. Jahr für Jahr für Jahr. Immense Investitionen in Zeit, Geld und Liebe bilden einen grandiosen Rahmen. Durch diese Leidenschaft entsteht Kreativität, wie man sie sich kaum vorstellen kann.

Um eine Kollegin am Bahnhof abzuholen, habe ich mich heute dennoch kurz in die Stadt gewagt. Nicht verkleidet und nur selten „rumhüpfend“. Ich fühlte mich irgendwie wie ein Fremdkörper. Nicht, weil ich dies aus irgendwelchen Reaktionen geschlossen hätte, im Gegenteil; ich wurde buchstäblich von wildfremden Menschen mit offenen Armen ‚empfangen‘, sondern weil ich mich nicht mit derselben Leidenschaft ins Gedränge warf, weil ich noch nicht Stundenlang auf den Beinen war. Den Schweizern wird oft nachgesagt, sie seien etwas ‚kalt‘, gehemmt und zeigen keine Emotionen. Besucht mal unsere Fasnacht und ihr wärt schockiert. Alle Hemmungen, welche wir scheinbar so sorgfältig während des restlichen Jahres aufrecht gehalten haben, fallen. Vor allem im Positiven, ganz selten auch im Negativen. Doch ganz ehrlich, immer wenn sich Menschen in Massen zusammenfinden, gibt es Ausreisser, die sich nicht zu benehmen wissen. Das ist wohl ein Teil unserer Natur und nur selten wirklich tragisch.



Natürlich fallen viele dieser Hemmungen mithilfe von ein oder zwei (oder vielleicht auch drei) Gläsern Alkohol, aber nicht nur. Und nun komme ich zum, für mich, spannendsten Aspekt der Fasnacht. Man ist meistens Anonym. Man erkennt selten Gesichter, da man sie mit Masken oder Schminke gekonnt überdeckt. Viele trauen sich offener und mutiger zu sein, vor allem aber suchen wir uns unsere Gesprächspartner (oder was auch immer sich noch entwickelt) nicht anhand oberflächlicher Äusserlichkeiten aus. Es zählt nicht mehr die Form der Nase oder die Farbe der Augen, sondern, wenn überhaupt, die Kreativität der Verkleidung. Man weiss oft nicht, wie die Person unter dem Kostüm aussieht und es spielt auch keine Rolle. So sollte es sein. Es ist der Mensch der zählt, nicht seine Hülle. Pur, echt und authentisch.

So haben sie die Stadt noch bis zum nächsten Mittwochmorgen in festen Händen, die Narren, und hüpfen und singen und lachen und trinken und tanzen und feiern und trinken und trinken…! So denn... Flieht, ihr Narren!


Kommentare:

  1. Lieber Adrian,
    das hast du absolut genial beschrieben... ich bin begeistert! Die Perspektive, des Authentischen, offenen und Kreativen ist es, was mich alljährlich fasziniert. Wie du, sehe ich mir das auch aus der Distanz an mittlerweile, lasse mich aber gerne von diesen höchst kreativen Masken inspirieren.
    Herzliche Grüsse, Sichtwiese

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